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Leitfaden
meiner Arbeit ist diejenige Spannung innerhalb
der Bilder, die aus der unterschiedlichen, teils
sogar konträren Wirkung der einzelnen, technisch
unterschiedlich entstandenen Bildelemente in ihrer
Begegnung auf dem Malgrund herrührt. Diese
Elemente, treffender vielleicht als Grundelemente
oder Prinzipien bezeichnet, fügen sich als
Teile im Bild zum großen Ganzen. In ihrer
Synthese, in Harmonie oder im Wettstreit miteinander
findet das Bild sein mehr über
das bloße Zusammenfügen einzelner Teile
zum Füllen der Leinwand hinaus, einen künstlerischen
Ausdruck. Bei diesen Prinzipien handelt es sich
zum einen um das Malerische, das Flächige,
und zum anderen um das Zeichnerische,
das Lineare, und die sich hieraus
ergebenden Unteraspekte, was an späterer
Stelle verdeutlicht werden soll. Dies ist das
Baumaterial für die Bilder dieser Reihe.Nicht
die Darstellung eines Ausschnittes der Wirklichkeit,
sondern die Schaffung einer neuen Wirklichkeit
im Bild soll gelingen. Reale äußere
Gegebenheiten, ein Model, eine Architektur oder
sonst eine interessante Situation war und ist
für mich nur noch Anlass und
Inspiration, keinesfalls mehr Vorbild der Gestaltung.
Formen wurden von mir zwar noch aufgenommen, jedoch
im Bild unter der ausschließlichen Beachtung
ihrer Bedeutung für den bildinternen Wirkungskomplex
genutzt. So entdeckte ich im Zeichnen den Eigenwert
der Linie, die Dynamik, die schon in ihrer Entstehung
aus einer Bewegung heraus begründet liegt,
und somit ihre potentielle und für mich unbedingte
völlige Lösgelöstheit von Zweck.
Die Linie ist eine Linie und genügt sich
darin völlig.
Den zweiten großen Formenkomplex liefert
die Transformation bestimmter Formen in einzelne
Linien, Linienbündel oder Linienkomplexe.
Auch hier liefert das äußerlich Vorgefundene
nur Impulse für die Formen im Bild. Durch
die so entstandenen Elemente des Bildes ist in
meiner Arbeit allerdings nur der Boden bereitet,
das Bild mit seinen eigenen Forderungen und Gesetzmäßigkeiten
schaltet nun die Realität sozusagen aus.
Die Relationen von Linien und Flächen, Formen
und Farben, Statik und Dynamik, das Entstehen
von Bildraum, um nur einige Aspekte zu nennen,
erfordern nun das Arbeiten allein im Bild, wobei
Entscheidungen einerseits stets intuitiv, andererseits
doch sehr konstruktivistisch erfolgen. Freie Formen
kommen anschließend gleichwertig zur Komposition
hinzu.
Einen Grund für die konkrete Ausbildung meiner
Formensprache und Arbeitsweise ist sicher auch
in der Beschäftigung mit den diversen druckgrafischen
Techniken zu finden, denen ich im Laufe meines
Studiums begegnete. Allgemein kann die Methode,
das Bild in Schritten aus einzelnen Elementen
aufzubauen, mit meiner druckgrafischen Vergangenheit
erklärt werden. Man könnte deshalb sicher
soweit gehen, meinen Bildern einen grafischen
Charakter zuzusprechen, da die Arbeitsprozesse,
obwohl technisch im engeren Sinne schon durch
die Werkzeuge Pinsel oder Griffel
als malerisch bzw. zeichnerisch definiert, doch
eher der Druckgrafik nahe stehen.
Die geometrische Linie ist ein unsichtbares
Wesen. Sie ist aus der Bewegung entstanden, [
]
hier wird der Sprung aus dem Statischen ins Dynamische
gemacht. Das zeichnerische Prinzip innerhalb
meiner Arbeit kann getrost auch als das dynamische
Prinzip bezeichnet werden. Es liegt ja im Wesen
der Linie, dass sie aus einer Bewegung heraus
entsteht, aus einer Anwendung von Kraft, mehr
oder weniger. Sie ist praktisch der größte
Gegensatz zum malerischen Urelement der Fläche
mit ihrer geschlossenen Ruhe. Vielerlei Arten
von Linien sind möglich, doch ihnen ist immer
die Bewegung anzusehen, aus der heraus sie entstanden
sind, anhängig ihre Richtung. Einzelne Formen
wurden in mehreren Schwüngen der Zeichenhand
zu Linien, die sich bündelten, kreuzten,
durch freie Linien ergänzt ein Eigenleben
entwickelten.
In meiner Arbeit kommt die solitäre, freie
Linie kaum noch vor. Dies ist ebenso Ergebnis
des Entstehungsprozesses des linearen Anteils
meiner Technik, in dem ich in die anfänglich
gegenständliche Anwendung der Linie oft wiederholte
und modifizierte, bis schließlich die ursprünglich
zu bezeichnende Form einer komplexen Linienstruktur
gewichen war, die sich völlig autonom im
Bildzusammenhang darstellte. Der Arbeitsprozess
ist sehr von spontanen Gesten, von Intuition dem
sich Verlieren in der Arbeit geprägt
uns stellt damit einen Gegenpol zu der präzis-konstruktiven
Herstellungsweise meiner Flächen dar, wie
noch erklärt werden soll.
Durch unterschiedliche Grade der Verdichtung entstehen
Hell-Dunkel-Unterschiede, die im Extremfall sogar
zu einer entropischen Verdichtung, zum Verschwinden
der einzelnen Linie in der Masse führen,
die jedoch noch strukturiert ist. Die hier entstehenden
Flächen können kaum als
solche bezeichnet werden, gerade im Vergleich
zu den anderen Bildelementen, da sie kaum greifbar,
also nicht fest umrissen, und in sich sehr stark
differenziert sind. Die Bezeichnung Linienkomplexe
ist hier treffender.
Auch die strukturelle Irritation der Liniennetze
übt auf den Betrachter einen Reiz aus. Er
wird verunsichert, weil sein Bedürfnis nach
konkreter Form nirgends einen Ansatz findet. Noch
verstärkt wird dieses Phänomen dadurch,
dass bei der malerisch-flächigen Gestaltung,
dem anderen Prinzip meiner Bilder, einfache klare
Formen dominieren, worin wir bei einem wesentlichen
Aspekt der Polarität dieser beiden Prinzipien
finden.
Die Kreuzung der Linien, mal zentral, mal azentral,
mal im spitzen oder stumpfen Winkel, können
verschiedenartigste Ausdrücke erzeugen, bringen
bei mir jedoch stets das Bild zum Schwingen.
Die Linien Scheinen sich in verschiedenste Richtungen
zu bewegen, manchmal Flächen zu durchstechen
und durch die verschieden Winkel Bildraum zu erzeugen,
jedoch nicht in einem illusionistischen Sinn.
Das zusammenwirken der Linie ergibt in sich einen
Klang von Formen, eine musikalisch
anmutende Dynamik.
Das malerische Prinzip meiner Arbeit bedarf zu
Beginn einiger Präzisierung. Wenn ich in
meiner Arbeit male, was ich definitiv
durch das Auftragen von Farbe mittels eines Pinsels
auf die Leinwand tue, so geschieht dies fast immer
in einer Art und Weise, die sich von der klassischen
Malweise deutlich unterscheidet. Ich setze Farbflächen
in meine Bilder, nicht der einzelne Pinselstrich
ist die gewollte kleinste Einheit meiner Bilder,
sondern die geometrische Farbfläche. Diese
ist so scharf konturiert, wie es auch bei noch
so großer handwerklicher Meisterschaft mit
dem Pinsel kaum erreichen ließe. Sie ist
ebenso monochrom, den Verweis auf die Druckgrafik
als Hintergrundmoment haben wir schon geleistet.
Durch dieses Prinzip der Einfachheit
stellt mir das malerische Grundelement meiner
Bilder Module oder besser Einzelelemente zu Verfügung,
die zur Konstruktion des Bildes genutzt werden.
Diese einzelnen Flächen sind an und für
sich eher statische Elemente im Vergleich zur
genuin dynamischen Linie meines Stils, welche
jedoch im Wirkungskomplex des Bildes durch die
Beziehung untereinander, durch die Farbgebung
bzw. auch hier die Farbbeziehungen und die Polarität
zur Linie wesentlich für die Bilddynamik
sind. Gleichzeitig verleiht die Kombination der
Flächen dem Bild das Gerüst, eine sichere
Statik.
Abweichungen von dieser Arbeitsmethode, d.h. dem
Erstellen präziser monochromer geometrischer
Flächen, können in meiner Arbeit durchaus
vorkommen, sofern sie dem Bild zuträglich
sind, so kann z. B. das erzeugen von Farbverläufen
innerhalb einer Binnenfläche das Auseinanderfallen
des Bildes in verschiedene Ebenen verhindern,
auch das gelegentliche zulassen erkennbarer Pinselstriche
zur zusätzlichen Dynamisierung der Komposition
kommt vor.
Zum Leben braucht der Mensch die Farbe.
Sie ist ein ebenso notwendiges Element wie das
Wasser und das Feuer. Der Farbe, ebenfalls
ein autonomes Element innerhalb des Elementaren
der autonomen Bildfläche, kommt natürlich
bei einer malerisch-grafisch-zeichnerischen
Werkreihe eine große Bedeutung zu. Befreit
von jeder außerkünstlerischen Belastung
nach meiner Sicht der Dinge, also von Darstellungsaufgaben
oder Bedeutungsballast, soll sie nur noch im Wirkungskomplex
des Bildes ihr Spiel entfalten.
Innerhalb meiner Bilder verwende ich Farbe intuitiv,
was vielleicht hinsichtlich des Arbeitsprozesses
paradox erscheinen mag, der ja sehr durch das
sukzessive Einbringen einzelner Bildelemente eher
einen Konstruktionscharakter aufweist.
Keinesfalls ist dies so gemeint, dass ich Farben
spontan verwende, ihr Vorkommen im Bild ist nur
nicht das Ergebnis farbtheoretischer Überlegungen.
So ist das häufige Auftreten der Farbe Blau
in unterschiedlichen Tönen nicht einem großen
Plan entsprungen. Auch bei bewusster Anstrengung
zu anderen Farben hin greifen meine Hände
häufig wieder doch auf diesen Farbtopf zurück.
Im Spiel der Bildelemente ist natürlich auch
das Element der Farbe nicht sklavisch auf eine
Rolle festgelegt, auch wenn im Rückblick
eine Erläuterung der Haupttendenzen in ihrer
Verwendung möglich wird. Die Sichtbarkeit
jeder Malerei ist >flach< im Verhältnis
zu jeder messbaren dritten Dimension, und sie
ist >räumlich< im Verhältnis zu
jeder materiellen Oberfläche. Dieses
einleitende Zitat vermag die Sonderstellung des
Raumes in meinen Bildern und innerhalb vieler
anderer Arbeiten der modernen Malerei verdeutlichen.
So wie meine Bilder nicht Darstellungen realer
Gegenstände sind, sondern Kompositionen
autonomer Bildelemente, die sich selbst genügen,
sowenig ist das Element des Raumes, das sicherlich
in meinen Bildern eine große Rolle spielt,
zum Zweck der Schaffung einer Raumillusion im
Sinne der Darstellung äußerer
Realität von mir eingebracht worden. Der
Raum im Bild ist hier wiederum ein
eigenständiges Element, der Ausdruck von
Kräften innerhalb der Komposition, ein Spannungsbogen,
der nur hier funktionieren kann und soll. Der
Bildraum entsteht durch die Verwendung der Formen,
Größen, Richtungen und Farben und steht
durch die Gesetzmäßigkeiten unserer
Wahrnehmung selbstverständlich mit dem realen
Raum in Verbindung.
Raum ist zum ein die unendliche Leere in der Umgebung,
in unserer Wahrnehmung erfassbar durch seine Begrenzungen,
durch Gegenstände und ihre Form. Das Assoziationspotential,
das der Betrachter bezüglich eines möglichen,
der Gestaltung zugrunde liegenden Gegenstandes
haben sollte, gilt hier genauso für eine
auf den ersten Blick denkbare realitätstaugliche
Raumdarstellung. So findet sich beispielsweise
innerhalb eines Bildes die Anwendung zentralperspektivischer
Konstruktionsmethoden in der Anordnung einiger
Farbflächen, was der Betrachter sofort spürt,
was jedoch im selben Moment dadurch konterkariert
wird, dass in einem anderen Bildbereich die Flächen
einer Isometrie entnommen scheinen, und freie
Linienbündel gar keiner Gesetzmäßigkeit
bezüglich richtiger Räumlichkeit
unterworfen sind. Der Betrachter wird irritiert,
das zuerst vermutete bekannte räumliche Darstellungsschema
wird bei genauerem Blick nicht bestätigt,
das Bild jedoch in Schwingung versetzt,
belebt, mit Bildraum erfüllt.
Kritisch betrachtet handelt es sich bei um den
Schein eines Scheinraumes
.
Streng genommen entsteht bei meiner Arbeitsweise
in jedem Schritt Raum im Bild. Schon der einzelne
Strich erschafft ihn dadurch, dass er das Bild
in zwei Ebenen gliedert, den Bildgrund und die
Ebene des Striches auf diesem liegend. Durch das
sukzessive Aufbringen der einzelnen Bildelemente,
der Linienbündel und Farbflächen, entstehen
viele derartige Arbeitsebenen. Durch bewusste
Überschneidungen entsteht eine teils unerklärliche
Tiefenstaffelung. Auch die Farbgebung hat natürlich
Einfluss auf die Raumwirkung, einzelne Teile springen
vor oder treten zurück, je nach Tonwert.
Das dies nur in wenigen Fällen mit dem klassischen
oder logischen Bildaufbau korreliert,
erscheint nur konsequent. So kann beispielsweise
ein Hintergrund in knalligem Orange hervortreten,
obgleich er im Bild eindeutig hinten zu verorten
wäre, da er andere Elemente trägt. Auch
die in unterschiedlichen Richtungen verlaufenden,
sich kreuzenden und bündelnden Linien scheinen
den Grund in den Raum hinaus zu verlassen, ähnlich
einer Vektorengrafik, jedoch in keinem Gerüst
von Regeln befangen.
Am fruchtbarsten für den Spannungsaufbau
des Elementes Raum im Bild erscheint jedoch das
Spiel mit der Perspektive. Durch transformierte
Reste illusionistischer Darstellungsmethoden wird
der erwünschte Schauer des Bekannten
beim Betrachter erzeugt.
Punkte geraten in Bewegung und werden zu rasenden
Linien.
Linien krallen sich in Flächen hinein und
behaupten sich dort.
Eine gezeichnete Linie, eine gemalte Fläche
. jeweils schon eine Welt für sich
Äußerlich ist jede einzelne zeichnerische
oder malerische Form ein Element. Innerlich ist
nicht diese Form selbst ein Element, sondern die
in ihr lebende Spannung.
Folglich ist gerade im Hinblick auf diese Arbeit
festzuhalten, dass nicht die äußeren
Formen den Inhalt meiner Arbeiten ausmachen, sondern
die ihnen innewohnenden Kräfte und mehr noch
das Leben, das diese Elemente durch ihr Wechselspiel
erschaffen. Erst in der Relation kommt die Qualität
des Einzelnen voll zum tragen. Meine Bilder sind
also als dynamische Kompositionen zu betrachten,
als Wirkungskomplexe. Die Elemente sind im Bild
in einer polarisierenden Weise verwendet, obschon
die die Einzelelemente gewisse Qualitäten
besitzen. Meine Linien sind energetisch aufgeladen,
verkörpern Bewegung, Spontanität und
erschaffen schon für sich betrachtet komplexe
Bezugssysteme. Die nach dem Prinzip der
Einfachheit erstellten flächig-malerischen
Bildelemente konstruieren auf gänzlich andere
Weise Bildraum, besitzen in sich eine gewisse
Stabilität, können auf Grund ihrer Form
und Anordnung jedoch auch eine gewisse Spannung
erzeugen. Das Spiel der Farben, Hell und Dunkel,
Schwung und Gerade, bunt und unbunt, Expressivität
und Ruhe, all diese Zusammenstellungen im Bild
in ihrer jeweils unterschiedlichen Gewichtung
machen durch ihre wechselseitige Beeinflussung
und Steigerung das Wesen meiner Bilder aus. Die
Koexistenz dieser Gegensätze in einem Bild
zu verwirklichen ist allerdings mit einem schwierigen
Abwägungsprozess verbunden, denn schnell
kann die gewünschte Spannung in einen Konflikt
der Kräfte umschlagen. So ist denn in jedem
meiner Bilder die Gewichtung verschieden, nie
sind alle Kräfte voll entfesselt, nur ausgewählte
Aspekte dürfen ihr Spiel voll entfalten.
In wie weit es gelungen ist, den Dialog der Element
zu verwirklichen und damit die Bilder zum Leben
zu erwecken, dies sei dem Betrachter überlassen
.
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